Jakobsweg
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Santa Irene – Santiago de Compostela

Donnerstag, 30. April / 24,5 km

So vieles ist möglich! Punkt 12 Uhr bin ich auf meinem Weg in Santiago angekommen. Ein Schritt unter vielen.

Und heute passiert so viel, dass mir schon fast die Worte fehlen. Deshalb fange ich doch ganz klassisch am Morgen an. Oder besser gesagt in der Nacht, ist doch das erste Paar bereits um 4 Uhr in der Nacht aufgebrochen. Natürlich haben das die meisten im rund 24-Betten-Schlafsaal mitbekommen. Unüberhörbar war jedoch eine grössere Gruppe mit italienischen Teenagerinnen, deren Wecker um 6 Uhr klingelten. Die Girls waren einigermasse leise (wohl noch zu müde, um Lärm machen zu können), jedoch einer der älteren Begleitpersonen gab alles: Er rannte hundertmal in den Schlafraum rein und wieder raus, liess die Tür offen, führte mehrere lautstarke Telefongespräche im Gang, so dass es wie durch ein Megaphon tönte und hatte ewig um all seine Sachen zusammen zu packen. Wenn ihn jemand auf seine Rücksichtslosigkeit nett aufmerksam machte, schaute er nur verdutzt rein. Irgendwie muss ihm entgangen sein, dass da noch rund zehn Personen schlafen wollten.

Für mich wars dann allerdings gelaufen, und ich packte kurzerhand meine Sachen auch zusammen. Wenn man früher als andere ist, dann nimmt man am einfachsten alles mit raus aus dem Schlafsaal und in dem Fall hinunter in die Küche. Da kann man bei Licht seine Sachen sortieren und den Rucksack ordentlich packen.

Draussen windete es heftig und leichter Nieselregen fiel. Und weil es dermassen stockdunkel war, fand ich in der Küche einen Pilgerfreund vor, der eigentlich um 6 Uhr starten wollte, um vor 12 Uhr zur Pilgermesse in Santiago zu sein. So liefen wir gemeinsam um 7 Uhr los, wo es immer noch schwierig war, den Weg zu finden.

Unterwegs mussten wir jede Menge Pilger überholen. Die Berichte über die extrem überlaufenen letzten 100 km stellten sich auch heute als nicht übertrieben heraus. Einmal legten wir eine kurze Frühstückspause ein. Ansonsten schauten wir, dass wir in dem garstigen Wetter und der wenigen attraktiven Umgebung – und wieder gab es einen Flughafen zu umlaufen – vorwärts kamen.

Vor der Kathedrale angekommen, war ich mir erst gar nicht sicher, ob ich jetzt richtig bin. Ich stand nass und müde (habe diesbezüglich heute bereits ein Kompliment bekommen!) auf einem unglaublich grossen und leeren Platz mit alten Gebäuden. Was schlechtes Wetter und Baugerüste alles ausmachen können! Die Türme waren wegen Renovierungsarbeiten eingepackt und die bekannte Postkartenfassade leider unsichtbar. Doch kaum stand ich vor dem imposanten Kathedralentor, läuteten die Glocken 12 Uhr. Da wurde mir bewusst, dass ich trotz aller Krisen und Schmerzen so viele Kilometer gelaufen bin.

Nun galt es, den Rucksack so bald wie möglich ablegen zu können. Darum laufe ich weiter – zum Pilgerbüro um vier Ecken. Hier wollte ich keine Compostela sondern eine Distanzbestätigung abholen. Nur wurde mir auch ungefragt die Compostela in die Hand gedrückt, wahrscheinlich um die Statistik der katholischen Kirche in die richtige Richtung zu treiben. Denn die Compostela erhalten nicht nur die religiösen Pilger, sondern auch diejenigen, die aus spirituellen Gründen mindestens 100 km gelaufen sind. Immerhin habe ich mich durch die Bescheinigung etwas von der Hölle entfernt. Der Himmel ists noch nicht, aber ich arbeite daran :-) Und übermorgen wird de Rucksack bereits wieder geschultert. Mein Camino geht weiter, zunächst Richtung Finisterre, dem Ende der Welt. Da freue ich mich darauf!

Immer wieder Eukalyptusbäume.

Der letzte Kilometerstein, den ich heute gesehen habe.

Die Muschel trifft man auf dem Camino überall, selbst auf Schachtdeckel.

Ebenfalls sehr oft zu sehen sind die akkurat angelegten Wälder.

Das Papstdenkmal auf dem Monte do Gozo.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Eine der kreativ gestalteten Wände in der heutigen Herberge The last Stamp in Santiago.

Der Seiteneingang zur Kathedrale – leider alles in grau.

4 Kommentare

  1. Vola sagt

    Liebe Ladina
    Wir sind so froh und glücklich für dich, dass du es geschafft hast. Vielen lieben Dank für die wertvollen, interessanten Berichte und die tollen Bilder. Ich las vor ein paar Jahren das Buch von Hape Kerkeling, “ ich bin dann mal weg“ und habe es mir wieder geborgt. Ich werde es mit noch mehr Freude lesen und freue mich darauf.
    Mach’s gut und auf Wiedersehen in der Schweiz. Liebe Grüsse Vola und Walter

  2. gojkovic Yvonne sagt

    Liebe Ladina
    Ich schliesse mich mit den Glückwünschen an! Hammer, einfach TOLL was du hinter dir hast. DU hast es geschafft. Gell es tut wahnsinnig gut was du dir vorgenommen hast auch gemacht zu haben! Sorry, mein Deutsch! Ich haue auf die Tasten und somit halt ein wenig schwieriger zu verstehen….:-)
    So geht es mir, wenn ich frühmorgens um den Lützelsee laufe. Kein Vergleich aber sind so Schrittchen, die zu grösseren Schrittchen und dann zu richtigen Schritten werden…!!! Manchmal laufe ich 2 mal rum und vielmals habe ich an dich gedacht! Ob ich das wohl schafffen würde, so 800 km???? Doch ich kann ja bei 400 anfangen…oder bei 200…oder oder oder!!!!
    Viel Glück auf dem Weg nach Finisterre…90 km habe ich gelesen, ein Katzensprung für dich gell…:-)
    Geniesse es am Ende der Welt zu sein und lasse die vergangenen Wochen Revué passieren.
    Wenn du zu Hause bist, so hätten wir mega Freude dich zu hören und noch mehr, dich und deine Familie ist natürlich auch eingeladen, zu sehen.
    Liebe Grüsse und geniesse die Zeit, die du noch vor dr hast. Yvonne

  3. Res sagt

    Bin nochwivor schpraachloos! Gratuliere eifach härzlich und zieh min Huet! Da chasch brutal stolz um diich sii.

    • Ladina sagt

      Ohooo, danka diar! Das Laufen ist gar nicht so schwierig, nur den eigenen Schweinehund überwinden umso mehr :-) Und ganz wichtig, genügend Zeit! DER Luxus heutzutage, der dich auf dem Camino aber vor heftigeren körperlichen Beschwerden bewahren kann.

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